Die Entstehung eines "Volks-Liedes"


Am Abend des 9. November 1989 saß ich mit Freunden aus dem Münsteraner Studentenwohnheim vor dem klapprigen Fernseher unserer Gemeinschaftsküche. Mit ungläubigem Staunen verfolgten wir, wie Menschen aus Ost-Berlin sich an Schlagbäumen und irritierten Grenzern vorbei auf den Weg nach West-Berlin machen. Menschen umarmen sich, feiern, weinen – Gefühle pur in Berlin und Gänsehaut im Studentenwohnheim. Ganz platt von den Eindrücken, die ich noch vor wenigen Wochen für unmöglich gehalten hätte, ging ich irgendwann in der Nacht zurück in mein Zimmer, wo ein kleines E-Piano schon darauf wartete, das Unglaubliche mit mir zu verarbeiten.

 

Nachdem das Lied zunächst auf Englisch vorlag, gab Panikorchester-Chef Steffi Stephan mit einer Kurzanalyse den entscheidenden Impuls: „Starke Hymne, aber wieso nicht auf Deutsch?“ Recht hatte er und ich ein Problem – an dessen Lösung ich fast 20 Jahre arbeiten sollte. Auf diese Weise hat das Lied für seine Entwicklung fast so lange gebraucht, wie wir uns mittlerweile darin üben, aus Ost und West in den Köpfen ein Ganzes werden zu lassen.

 

Entstanden ist ein „Volks-Lied“, gemeint als eine tiefe Verbeugung vor den Menschen, die in den Montagsdemonstrationen mutig für ihre Rechte eingetreten sind, deren Freiheitswille stärker war als die Angst, und die mit einfachen Worten gewaltlos klar gemacht haben, von wem am Ende eigentlich die Macht ausgeht:

„Wir sind das Volk!“


Uwe Koch

Writing on the Wall